#notiTSen aus Berlin (24/2018)


Mein Wochenrückblick vom 25.11 - 02.12.2018

#SONNTAG
Steven fährt mittags geschäftlich Richtung Finnland. Sammy und ich also mit sturmfreier Bude, er in München bei der Nanny und ich in Berlin. Gibt mir Gelegenheit, meine Papierberge abzuarbeiten. Zweite Sitzungswoche in Folge steht an.

#MONTAG
Im Haus der Bundespressekonferenz stellen Gesamtmetall, Institut der deutschen Wirtschaft Köln und ich für MINT Zukunft schaffen am Morgen den #MINT-Herbstreport 2018 vor. Verlinke ihn unten, mein Facebook-Kommentar als Bild anbei. Wer die Lücke von 337.900 Fachkräften durch die qualitative Brille betrachten möchte, der oder dem empfehle ich zum Beispiel die Fraunhofer-Studie zum Machine Learning (2018). Derzufolge fehlen in Deutschland alleine auf diesem Feld rund 10.000 Spezialisten für Big Data, Advanced Analytics und Data Science. Sowie branchenübergreifend zusätzlich 85.000 Akademiker jeglichen Geschlechts mit Künstlicher-Intelligenz-Knowhow. Gute drei Dutzend Studiengänge (von 16.000) bilden in Deutschland bilden hierzu aus. Dazu sagt die KI-Strategie der Bundesregierung: leider gar nichts. Au Backe!

Auf der Pressekonferenz rege Nachfragen der Journalisten. Barbara Gillmann vom Handelsblatt trifft einen Nerv mit ihrer Anmerkung, die digitale Transformation werde eher die Nachfrage nach Akademikern ankurbeln als nach Facharbeitern.

Was Deutschland braucht, weil es uns bisher komplett abgeht: sowohl eine nationale Frühsensorik für den Bedarf an Zukunftsskills und -kompetenzen als auch eine Headhunting-Agentur für Spitzenforscher. Genau dies fordere ich in meinem Brain-Gain-Antrag im Bundestag (Drucksache 19/5077). Der SPIEGEL bringt dazu in seiner aktuellen Ausgabe eine #Exklusivmeldung; Bild anbei, Link zum Antrag unten.

Eine weitere Innovationslücke in Deutschland will ich mit meinem Antrag für eine Deutsche Transfergemeinschaft schließen, die ich Seit' an Seit' mit meiner Fraktion fordere - als Innovationsbrücke zwischen anwendungsorientierten Hochschulen und wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Akteuren. Darüber berichtet das Handelsblatt, Artikel ebenfalls unten verlinkt.

Ob sich die Bundesregierung über die innovativen Kerzen freut, die ich ihr am Adventskranz anzünde?

Anschließend über die Spree zurück in den Bundestag. Die Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt" tagt. Wir befragen heute drei Parlamentarische Staatssekretäre: Christian Hirte vom Bundeswirtschaftsministerium, Anette Kramme vom Bundesarbeitsministerium und Thomas Rachel vom Bundesbildungsministerium. Während im U.S. Congress die Parlamentarier bei solchen Anhörungen über umfangreiche Grillrechte verfügen, müssen sich Bundestagsmitglieder mit wenigen Minuten begnügen. Und nachhaken geht erst recht nicht. Ehrlich gesagt: sowas ist für die Katz', und in diesem Fall nicht für die fette!

Laut (nun auch offiziell bestätigter) #Fachkräfteprognose des Bundesarbeitsministeriums gehen bis zum Jahr 2035 wohl 4,0 Millionen Stellen im Zuge der Digitalisierung verloren; 3,3 Millionen neue kommen hinzu. Wie fängt man die einen auf, wie qualifiziert man die anderen? Frau Krammes Antwort um sämtliche Wortgirlanden bereinigt: Das Problem sei groß, aber die Kassen der Agentur für Arbeit ja gut gefüllt. Eine exemplarische Antwort für den gesamten Nachmittag. Keiner der drei Regierungsvertreter spricht darüber, wie die Bundesregierung konkret, national und regional auf nötige Jobveränderungen von Millionen Menschen reagieren will. Ein konzertiertes, interministerielles Vorgehen? Fehlanzeige. Brot und Spiele statt Strategie!

Mein Bundestagskollege Thomas Heilmann (CDU) hat jüngst für sein Papier zur Zukunft der Arbeit ausgerechnet, was für Kosten auf uns zukommen: 100.000 nicht qualifizierte Menschen kosten den Staat: sechs Milliarden Euro. Zu multiplizieren mit: siehe oben.

Herrn Hirte fällt zur deutschen Berufsausbildung kaum mehr ein, als dass sie ein einzigartiges Erfolgsmodell sei. Ich unterbreche seine wallenden Beschwörungen und merke an: die Schweiz, Österreich und Dänemark seien auch gut im Spiel. Er schaut mich an wie ein Auto. Wäre dies heute ein betriebliches Assessment Center gewesen: bestanden hätte es nur und knapp: Kandidat Rachel.

Zurück ins Büro. Auf dem Weg: Abregen. Mein Team soll nicht sämtliche Emotionen abbekommen, die sich in solchen Stunden in mir aufstauen. Dann Telko mit drei Professoren: Manfred Broy vom Zentrum Digitalisierung.Bayern, TUM-BWL-Crack Isabell Welpe sowie Münchner-Kreis-Chef Michael Dowling. Wir sprechen über unsere nächste Konferenz. Nach "Das Demokratische Unternehmen" (2015) und "Digitale Transformation" (2017) ist Ende 2019 die Künstliche Intelligenz dran: Vom Impact auf die Gesellschaft, Brain Drain in der Wissenschaft bis hin zum Transhumanismus. Freue mich sehr! 2017 hatten wir 1000 Teilnehmer. Wollen das 2019 toppen.

#DIENSTAG 
Wie immer Fraktionstag. Interna in der Arbeitsgruppe Bildung. Im erweiterten Arbeitskreis diskutieren wir auf Anregung von Kollegin Nicole Bauer: Soll es in Schulen, Behörden, staatlichen Einrichtungen ein #Kopftuchverbot geben für Mädchen unter 14 oder 18 Jahren? Wir reden uns die Köpfe heiß. Religionsfreiheit, Beschneidung, Schutz jüdischer Riten und Gebräuche, Erziehungsrechte frommer Eltern. Zentrale Frage für mich jenseits von Religion: Presst ein Kopftuch junge Mädchen in ein Rollenstereotyp, das ihre freie Entfaltung behindert? Und was signalisiert ein Kopftuch maskulinen Heranwachsenden? Solche ernsthaften Debatten motivieren mich. Zwischenfazit: Mir scheint ein Verbot mindestens bis zum 14. Lebensjahr sinnvoll. Jetzt sollen mal die Juristen prüfen.

Am Nachmittag wie stets Fraktionssitzung. Wir reden über die am Donnerstag zu beschließende #Grundgesetzänderung, die den Digitalpakt Schule ermöglicht. Gut finden wir, dass der Bund künftig die Länder auch über den Digitalpakt hinaus unterstützen kann. Dass wir in den Verhandlungen mit GroKo und Grünen auch manche Kröte beim sozialen Wohnungsbau schlucken mussten: gehört zum Wesen des Kompromisses.

Wasserstandsmessung zur Nachfolge CDU-Vorsitz: Annegret Kramp-Karrenbauer hat Boden gutgemacht. Friedrich Merz schlingert ein wenig. Er kann und sollte selbstbewusst zu seinem Einkommen stehen. Und mit dem #Achselzuck-Stichwort in punkto AfD hat er AKK eine Steilvorlage geliefert. Ceterum censeo: es ist nicht das Basis-Applausometer auf den Regionalkonferenzen, das den künftigen Parteivorsitzenden bestimmt. Es sind 1001 Funktionäre, das mittlere Management der CDU, die Profiteure von Angelas #AncienRégime, die in knapp einer Woche zur Wahl schreiten.

Und gleich noch eine innere Freude für mich an diesem Dienstag: Unsere innerfraktionelle Debatte über die #Organspende. Drei Möglichkeiten: (1) Organ wird automatisch entnommen, außer man hat aktiv zu Lebzeiten widersprochen. (2) Organspendeausweis, der Status quo. Oder (3) die Entscheidungslösung: sobald man Personalausweis, Reisepass oder Führerschein beantragt, muss man obligatorisch die Frage beantworten, ob man im Fall der Fälle spenden möchte oder nicht. Jede Position hat ihre Fürsprecher und gute Gründe. Mindestens 20 Wortmeldungen, viele verschiedene Perspektiven, wunderbare Debatte. Ich selbst tendiere mittlerweile zur Entscheidungslösung.

Abends beim Digitalen Salon vom Bundesverband Digitale Wirtschaft BVDW e.V. Hier gelingt heute, was Netzwerken leider sonst eher selten schafft: gute bilaterale Gespräche.

#MITTWOCH
Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung. Meine Stammleser wissen: hier leide ich oft. Heute zwei Themen im Visier. Einerseits Debatte über die Grundgesetzänderung und Digitalpakt Schule; Katja Suding vertritt unsere Positionen bestens. Andererseits: Der Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die vom Steuerzahler drei Milliarden Euro im Jahr erhält, stellt sich den Ausschussmitgliedern. Ich fühle Peter Strohschneider auf den Zahn und fordere bei der Exzellenzstrategie weniger ungedeckte Schecks auf die Zukunft. Also bitte nicht nur #FutureMerits prophezeien, sondern #PastMerits ebenfalls berücksichtigen. Professor Dieter Imboden hat bei der Evaluierung der damaligen Exzellenzinitiative das Notwendige dazu gesagt. Googlen lohnt sich. Meine Frage, wie er zur Aussage „Deutschlands Spitze liegt in der Mitte“ der Bremer SPD-Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt steht, lässt Strohschneider unbeantwortet. Sollte man besser von Nivellierungsstrategie sprechen?

Danach im Büro kurzes Gespräch mit einem SPIEGEL-Redakteur; die dazugehörige Meldung habe ich oben schon erwähnt. Deutschland braucht eine National Agency for #ScientificTalent. Punkt. Sonst kriegen wir die besten Köpfe nicht, schon gar nicht nachhaltig. Zwar sind wir attraktiv für internationale Studierende, verstärkt durch Fluchtbewegungen infolge Brexit cis- und Trumpismus transatlantica. Für eine Nobelpreis-Talentpipeline reicht das aber nicht. Talentmagnetismus hat eben nicht nur Mitte, Frau Quante-Brandt, sondern auch Spitze!

Danach zum Weihnachtsflurfest der bayerischen FDP-Abgeordneten, heuer exzellent organisiert von Katja Hessel samt Team. Mich bewegt das Wiedersehen mit Jimmy Schulz, der heute nach langer Krankheit wieder seinen Ausschuss Digitale Agenda geleitet hat. Morgen wird er eine richtungsweisende Rede im Plenum halten, die ich unten verlinke.

Weiter eile ich ins Restaurant der Parlamentarischen Gesellschaft, um zwei Münchner Freunde von Helmut Markwort zu treffen. Ein liberal gesinntes Ehepaar, das er mir ans Herz gelegt hatte und das mich nun im Bundestag besuchen kommt. Treffen lohnt sich sehr; wir reden auch darüber, wie wir die Stimme der FDP in und um München weiter kräftigen können. Erste Ideen entstehen, wir sprechen weiter im Januar.

#DONNERSTAG
Heute wohl sieben Mal hin und her zwischen Plenum und Büro. Hätte ich einen Schrittzähler, er wäre begeistert! Wir bringen die Grundgesetzänderung auf den Weg. Ende eines langen Ringens, nun Lösung mit liberaler Handschrift. Wir haben Ressourcen durchgesetzt für digitale Geräte, die Kindern aus finanzschwachen Familien zugute kommen. Wir haben auf Qualitätsstandards bestanden. Davon ganz unabhängig: Das Herumschnipseln am Grundgesetz darf nicht zur Tugend werden.

Ich spurte an den Gendarmenmarkt zu einem Gespräch mit dem Präsidenten der Gesellschaft für Informatik, Professor Hannes Federrath. Alexander Graf Lambsdorff hält im Plenum eine vielbeachtete Rede zur liberalen Position beim Global Migration Pact. Ich verlinke unten auch diese Rede.

Nach diversen namentlichen Abstimmungen heute am späten Abend Flug nach Wien. Vom Bundestagspräsidenten genehmigte Dienstreise zum 10. Global Peter Drucker Forum in der Hofburg. Ein jährliches Treffen von Management-Vordenkern und Nachdenklichen, die sich austauschen wollen über Fragen von Führung und Zusammenleben in einer globalen Welt.

#FREITAG 
Ich sitze auf dem Panel "Beyond Market Failures: How the State creates Value". Meine Mitdiskutanten: IMD-Professor Bill Fischer, Mariana Mazzucato vom University College London, Financial-Times-Vizechef Martin Wolf, Unternehmer Hermann Hauser und Publizist Andrew Keen.

Die Rolle des Staates "beyond state failure" nehme ich mir kritisch vor und komme zu vier Schlussfolgerungen:

1. Politik muss bottom-up das Vertrauen zurückgewinnen: in den Dörfern, Städten, Regionen. Zentralistische Appelle verhallen im Dschungel.

2. Der Staat muss Experimentierräume zulassen: etwa Regionen, in denen Kommunen neue Bürgerpartizipation und Prozesse wagen dürfen.

3. Die Verwaltung braucht agilen, digitalisierten Workflow, der Bürgern schnell Problemlösungen und Dienstleistungen liefert.

4. Politik muss im vor-marktlichen Sektor Spritzen für soziale und technologische Innovation geben; etwa die von den Freien Demokraten im Bundestag mitinitiierte Agentur für Radikale Innovation.

Vor der Klammer steht: wir brauchen deutlich intensiveres und andersartiges Talentmanagement in Parteien, Parlamenten und Behörden. Schließlich sind es Köpfe und Herzen, die Neues wagen. Bei der Personalentwicklung versagt Politik erbärmlich!

Auf dem Panel putzmuntere Diskussion über soziale Marktwirtschaft und europäische Demokratien im Sandwich zwischen autoritären Regimes in Asien und dem Free Enterprise Capitalism à la USA. Deutschland und Europa müssen gestalten lernen, wenn sie ihr Modell erfolgreich verteidigen wollen.

Meine Vorliebe für Gemüse knickt ein vor einem tollen #Tafelspitz im Hotel Sacher, in das der Veranstalter uns Panelteilnehmer geladen hat. Dazu Kren und Wein: Erster Obers sozusagen! Noch toller: meine drei Gesprächspartner heute Abend.

Henry Mintzberg, grandioser BWL-Professor an der McGill University von Montreal. Er hat die weltberühmte Kritik an der Vollzeit-MBA-Ausbildung verfasst: #ManagersNotMBAs. 1993 hatte ich mit ihm am INSEAD Executive Education und zusammen mit vier weiteren internationalen Hochschulen und etlichen multinationalen Konzernen das wunderschöne Masterprogramm IMPM entwickelt, ich verlinke es unten. Das International Masters Program for Managers by Mintzberg genießt bis heute weltweites Ansehen.

Rita Gunther McGrath, Strategic-Management-Professorin an der Columbia Business School in New York. Wir reden über die politische und soziale Spaltung in den USA.

Ähnliche Themen habe ich mit dem renommierten Ökonomen Gary Hamel, den ich schon 1991, da war er noch ein Emerging Star, für einen Strategic Workshop bei der Daimler-Benz Aerospace gewonnen hatte. Heute zählt er zu den einflussreichsten Management-Denkern und ist Gastprofessor an der London Business School.

Wer die Jahreszahlen zu deuten weiß, merkt auch ohne Fotos: wir sind alle miteinander grau geworden. Aber nur oberhalb der Schädeldecke! Die Augen blitzen noch. Sonst soll man es ja auch bleiben lassen!

#SAMSTAG
Der Flug Wien-München verspätet sich um 150 Minuten. Erst Lufthansa-Flieger defekt. Dann kommt Ersatzflugzeug der AUA. Erst Warten, dann Einsteigen, dann Warten. Schon recht, dieser Tage immerhin besser als die Flugbereitschaft der Kanzlerin. Aber wer mich als alten Lufthanseaten kennt, weiß: im Innern des Vulkans brodelt es, wenn kundenorientierte Prozesse nicht funktionieren. Ich kanalisiere meine Energie ein bisschen, indem ich meine Rede für heute Nachmittag feintune. Im Maximilianeum, Sitz des Bayerischen Landtags, spreche ich über mein neues Lebensthema: Als Quereinsteiger von der Wirtschaft in die Politik. Anlass ist der Jahresconvent vom Senat der Wirtschaft. Vor mir spricht: Sigmar Gabriel. Der hat gerade ein anderes Lebensthema.

#SONNTAG
Heute sind Steven, Sammy und ich auf dem Weg nach Stuttgart zu meiner Mutter. Auch ihre Augen blitzen noch! Wir feiern ihren 94. Geburtstag. Werde ihr zum Abschied wieder versprechen, mich gut zu benehmen. Und halten muss ich mich dann auch dran... Auch sie liest meine #notiTSen.

Frohen 1. Advent!

 

Eine Übersicht aller meiner #notiTSen aus Berlin finden Sie hier.